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Amarok 2: Der Wolf setzt zum Sprung an

Dieser Beitrag ist erschienen in freiesMagazin (Link) 02/2009 / Lizenz: GNU Free Documentation License (GNU FDL) (Link) / Autor: Arne Weinberg.

Wenn Sie diesen Artikel weiterverwenden möchten, beachten Sie bitte die Lizenzbedingungen. Vielen Dank.


von Arne Weinberg

Mit der Ankündigung „Wir möchten, dass der 2.0 Release der Beste wird“ (Link) hat das Amarok-Entwicklerteam im Sommer des letzten Jahres alle Hoffnungen genährt, dass die zweite Generation des beliebten Audiospielers die Messlatte, die sein Vorgänger im Laufe der letzten vier Jahre bereits sehr hoch gelegt hat, noch übertreffen und neue Maßstäbe im Bereich der freien Musikwiedergabe setzen kann. Ein halbes Jahr, viele Testversionen und ein Final Release später haben sich aus vielversprechenden Zukunftsplänen klare Konturen herausgebildet und es wird Zeit, der neusten Veröffentlichung aus dem Hause Amarok einmal auf den Zahn zu fühlen.

Neues Design

Amarok 2 basiert auf KDE 4.1 und passt auch optisch nahtlos in das Bild der jüngsten Ausgabe des K-Desktops. Bei der Ablösung des Plastikstils aus längst vergangenen KDE-Tagen baute das Amarok-Team auf die Unterstützung des Oxygen-Projekts, das gemeinsam mit dem Desktop Plasma und Amarok die Akademy Awards 2008 gewinnen konnte (siehe „Postkarte von Konqui aus Belgien“, freiesMagazin 09/2008 (Link)). Darüber hinaus folgt der beliebte Medienspieler dem Trend vieler KDE4-Anwendungen und greift zu weiten Teilen auf vektorbasierte Grafiken zurück. Der Entwickler Ljubomir Simin kommentierte diesen Schritt damit, dass die Verwendung von skalierbaren SVG-Themes ein neues Level an Flexibilität bringe und die Designarbeit noch aufregender mache (Link).


[Grafik] Die Gesamtansicht von Amarok. Bitte klicken Sie auf den Link, wenn Sie die Grafik sehen möchten: (Link)
Bildunterschrift: Das dreiteilige Abspielfenster.


Der fast zweijährige Entwicklungsprozess von Amarok 2 war insbesondere hinsichtlich des Artworks geprägt von zahlreichen Experimenten und Revisionen. Schon zu Beginn der Umgestaltungsphase wurde deutlich, dass sich die Entwickler bei den Formen und Farben der neuen Version einige grundlegende Änderungen auf die Fahne geschrieben haben. So brach man unter anderem mit der Tradition, die Bedienelemente wie gewohnt unscheinbar in der unteren rechten Ecke zu platzieren und ordnete sie im oberen Fensterbereich an, wo sie sich nun zum Lautstärkeregler und der Fortschrittsleiste gesellen. Nachdem die Programmierer die Abspieltasten in den Alphaversionen noch unkonventionell in der Mitte untergebracht hatten (Link), finden sie sich seit dem Eintritt in die Beta-Phase am linken Rand des Kopfbereiches wieder.

Für erheblich mehr Gesprächsstoff unter den Amarok-Benutzern sorgte die neue Dreiteilung des Abspielfensters: Die dominierende Plasma-Widget-Ablage wird vom einklappbaren Medienbrowser zur Linken und der Wiedergabeliste auf der rechten Seite eingerahmt. Letztere überzeugt ungeachtet der weniger hervorstechenden Rolle im Gesamtkonzept vor allem durch ein übersichtlicheres Erscheinungsbild, indem die wichtigsten Informationen auf kleinem Raum dargestellt und die verschiedenen Alben klarer voneinander abgegrenzt werden. Die grundrenovierte Benutzeroberfläche stieß allerdings insgesamt nicht nur auf Gegenliebe unter den Anwendern. Mit dem Ziel konzipiert, den Zugang zu den Musikinformationen möglichst komfortabel zu gestalten, fehlen dem jungen Audioplayer trotz aller optischen Innovationen noch an manchen Stellen hilfreiche Konfigurationsoptionen, etwa eine unkomplizierte Anordnung der einzelnen Fensterelemente. Den Aufschrei vieler Kritiker, die besonders bei der Anpassung der Wiedergabeliste die einstige Funktionalität von Amarok 1.4 vermissten, hat das Team von Programmierern jedoch nicht überhört und kündigte für die Version 2.1.0 spürbare Fortschritte in Bezug auf die Konfigurierbarkeit an (Link).

Das Service-Framework

Zu einem Hauptziel der Entwicklung von Amarok 2 erklärten die Verantwortlichen den Ausbau der Anbindung an Online-Musikläden und andere Webdienste. Über die Plattform für freie Musik Jamendo (Link) lassen sich fortan noch bequemer Songs aller Musikrichtungen auf den eigenen Computer laden. Auch das Independentlabel Magnatune (Link) und der populäre Internetradioservice Last.fm (Link) sind wie schon in der Ausgabe 1.4 vertreten, sie lösten das Interesse von weiteren Musikprojekten aus, die nun in der KDE-Software Einzug halten. So auch LibriVox (Link), ein umfangreiches Portal für gemeinfreie Hörbücher, oder die Webseite MP3tunes.com (Link), welche virtuelle Schließfächer für die Onlineaufbewahrung der privaten Musiksammlung anbietet. Damit nicht genug, können Amarok-Anwender in Zukunft auch die Dienste der OPML- und Shoutcast-Directories  (Link) in Anspruch nehmen, die unzählige Listen von Podcasts und Radiosendern bereitstellen. Komplettiert wird die Liste der neuen Amarok-Partner durch den Mediaserver Ampache (Link), der die Bearbeitung und Wiedergabe von Audiodateien über das Internet ermöglicht.


[Grafik] Die Einrichtung von Diensten in Amarok. Bitte klicken Sie auf den Link, wenn Sie die Grafik sehen möchten: (Link)
Bildunterschrift: Die Einstellung von Internetdiensten.

Eine parteiische Wiedergabeliste

Die neue Playlist des freien Musikspielers macht nicht nur auf den ersten Blick einen guten Eindruck. Haarsträubende Geschwindigkeitsprobleme bei einer großen Anzahl an Liedern gehören dank MySQL-Embedded der Vergangenheit an und als virtuelles Sahnehäubchen integrierten die Entwickler die so genannte „Biased Playlist“ (Link): Basierend auf der herkömmlichen dynamischen Wiedergabeliste, kann die überarbeitete Playlist von den unterschiedlichsten Kriterien beeinflusst werden, die wiederum in ihrer Intensität veränderbar sind.

Beispielsweise können Nutzer als Kriterium das Veröffentlichungsjahr 2009 mit einer Genauigkeit von 70 % und gleichzeitig als favorisiertes Genre Rockmusik mit 30 % Genauigkeit einstellen, sodass Amarok selbst die passendsten Stücke heraussucht und wiedergibt. Ergänzt wurde die frische Wiedergabeliste im Rahmen der aktualisierten Version 2.0.1 mit einer weiteren nützlichen Funktion: Der dänische Amarok-Mitarbeiter Nikolaj Nielsen stellte eine Suchfunktion für die Wiedergabeliste zur Verfügung (Link), nachdem zuvor nur das Durchsuchen der gesamten Musiksammlung möglich gewesen war.


[Grafik] Die Playlist in Amarok. Bitte klicken Sie auf den Link, wenn Sie die Grafik sehen möchten: (Link)
Bildunterschrift: Die Kriterienwahl für die Playlist.

Mit der Kraft von KDE4

Hebt man die verzierte Motorhaube von Amarok 2 einmal an, entdeckt man auch hier die aktuellen Technologien der K-Desktopumgebung. Zum einen die viel diskutierte Multimedia-API Phonon (Link), an der sich in der Diskussion um das Multimedia-Framework der Zukunft die Geister geschieden hatten (Link). Aufgabe von Phonon ist es, eine einheitliche Schnittstelle für Audio- und Videoprogramme zu bilden und so eine zentrale Konfiguration der Anwendungen zu erlauben.

Eine weitere Komponente von KDE4, die künftig im Audioplayer zum Einsatz kommt, ist das Plasma-Projekt in Form der bereits erwähnten Plasma-Widgetablage. Im Zentrum des neuen Abspielfensters lassen sich Plasmoids ablegen, kleine Programme, die den Liedtext, Wikipedia-Artikel oder andere Hintergrundinformationen zum aktuellen Stück und Interpreten darstellen (siehe „Plasma, der neue KDE-Desktop“, freiesMagazin 09/2008 (Link)). Bislang ist das Angebot an Widgets noch überschaubar. Rotation oder freie Skalierung sind im Gegensatz zum Plasmadesktop noch nicht durchführbar, doch auch hier betont das Entwicklerteam, dass die Veröffentlichung erst das Fundament gelegt habe, die weiteren Bausteine werden nicht zuletzt mit der Unterstützung der Community sukzessive folgen (Link).

Das dritte Element im Bunde ist KDEs neue Hardwareschnittstelle Solid (Link). Mit ihr soll die Unterstützung für mobile Geräte auf ein konkurrenzfähiges Level gehoben werden, unter anderem auch für MTP-Geräte und Apples beliebte iPod-Reihe. Neben der benutzerfreundlichen Synchronisation von portablen Abspielgeräten nennt der leitende Programmierer Alejandro Wainzinger (Link) den Abgleich von Albumcovern und die Übermittlung von unterwegs gehörten Stücken an Last.fm als weitere Möglichkeiten, die sich durch den Umstieg auf das Solid-Backend eröffnen. Wie jedoch schon nach dem Erscheinen der ersten Alphaversion befürchtet wurde (Link), war eine zufriedenstellende Anbindung an MP3-Spieler bis zur endgültigen Freigabe von Amarok 2 mangels Zeit und personellen Ressourcen nicht anzunehmen. Damit ist die Solid-Integration zum gegenwärtigen Zeitpunkt ein Bereich, in dem noch großes Potential an Verbesserungen besteht, die von einer der nächsten Ausgaben zu erwarten sind (Link).

Wermutstropfen

Vielerorts führte das Fehlen der genannten Funktionen und weiterer essentieller Bestandteile, etwa eines Equalizers und der Unterstützung für alte Amarok-Skripte, gepaart mit der im ursprünglichen Sinne gewöhnungsbedürftigen Benutzeroberfläche, zu einer Grundsatzdiskussion über das oft zitierte Open-Source-Prinzip „Release early, release often“. Manch einer dürfte sich dabei an die mitunter vernichtenden Rückmeldungen zur Veröffentlichung von KDE4 erinnert gefühlt haben und tatsächlich weisen die Reaktionen der Anwender Parallelen auf: Wenn auch nicht so ausgeprägt wie bei der Desktopumgebung, geraten oft die Umstände der freien Softwareentwicklung in Vergessenheit. Die Funktionen, über die man sich als Benutzer freut oder über deren Fehlen man sich ärgert, entstehen, weil sich jemand irgendwo auf der Welt dazu entschließt, seine kostbare Freizeit in dieses Projekt zu investieren.

Und obwohl die Verantwortlichen immer wieder mit Nachdruck darauf hingewiesen haben, dass Amarok 2.0 nach einer kompletten Neugestaltung nicht das Ende, sondern der Anfang einer Geschichte ist, dass alle vermissten Komponenten Kapitel für Kapitel hinzugefügt werden und dass es jedem offen steht, weiterhin Amarok 1.4 für die Musikwiedergabe zu verwenden, verleihen nicht Wenige ihrer Verärgerung durch Unsachlichkeit und nicht durch konstruktive Unterstützung Ausdruck. In diesem Licht betrachtet ist Amarok 2.0 keinesfalls ein perfektes Endprodukt, sondern bringt ähnlich wie sein naher Verwandter KDE4 neue Konzepte mit all ihren Ecken und Kanten, auf die man sich nach dem Abschleifen freuen kann.


[Grafik] Die Playlist in Amarok. Bitte klicken Sie auf den Link, wenn Sie die Grafik sehen möchten: (Link)
Bildunterschrift: Der Info-Dialog von Amarok 2.


Hinweis:
Das Logo des Plasma-Projekts unterliegt dem Copyright des KDE e. V. und wird unter der GNU Lesser General Public License 2.1 (Link) veröffentlicht.

 

Links

  1. http://amarok.kde.org/de/node/530
  2. http://www.freiesmagazin.de/freiesMagazin-2008-09
  3. http://ljubomir.simin.googlepages.com/awnissue10
  4. http://amarok.kde.org/files/Image/AI/13/work5.jpg
  5. http://amarok.kde.org/blog/archives/858-From-the-Post-2.0.0-Git-Vaults,-Part-2,-The-Playlist-Evolved.html
  6. http://www.jamendo.com/de/
  7. http://www.magnatune.com/
  8. http://www.lastfm.de/
  9. http://librivox.org/
  10. http://www.mp3tunes.com/
  11. http://yp.shoutcast.com/
  12. http://ampache.org/
  13. http://amarok.kde.org/blog/archives/713-Weekly-Update,-Secret-Plans-Divulged,-c.html
  14. http://amarok.kde.org/blog/archives/854-Amarok-2-playlist-searching.html
  15. http://phonon.kde.org/
  16. http://www.pro-linux.de/news/2006/9688.html
  17. http://amarok.kde.org/en/releases/2.0
  18. http://solid.kde.org/
  19. http://amarok.kde.org/blog/authors/32-Alejandro-Wainzinger
  20. http://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Erste-Alpha-von-Amarok-2
  21. http://amarok.kde.org/en/node/597
  22. http://www.gnu.org/licenses/lgpl-2.1.html



Autoreninformation:


Arne Weinberg beschäftigt sich seit 2006 mit Linux (ArchLinux und Kubuntu) und verfolgt fast ebenso lange das Geschehen rund um KDE. So wurde er auf Amarok aufmerksam und testet seit einem Gespräch mit Harald Sitter die Nightly-Builds von Amarok 2.

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