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Desktop-Umgebungen - Eine Begriffsklärung

 

Autor: Stefan Zaun / Der Beitrag ist erschienen im Magazin YALM 09/2009 (Link) / Lizenz: Der Beitrag wird unter einer Creative Commons Lizenz mit den Bedingungen: „Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen“ 3.0 (CC-BY-SA) zur Verfügung gestellt (Link).

Sie können diesen Artikel jederzeit für sich weiterverwenden. Bitte beachten Sie dabei die Lizenzbedingungen. Vielen Dank.

 

Desktop-Umgebungen - Eine Begriffsklärung


Eigentlich kennen wir sie alle. Auch wenn man sie selbst nicht verwendet, so dürfte doch nahezu jeder Linux-Nutzer schon einmal etwas von GNOME, KDE oder Xfce gehört haben. Doch was genau verbirgt sich hinter diesen Begriffen, wie funktioniert das Ganze, und wofür werden sie eigentlich gebraucht? Dieser Artikel beantwortet kurz diese und andere Fragen.

Es handelt sich hierbei um sogenannte »Desktop environments«, die im Deutschen auch gerne als »Arbeits-« beziehungsweise »Desktop-Umgebungen« bezeichnet werden. Laut Wikipedia sind es dem »Benutzer […] zur Verfügung stehende[n] Werkzeuge für die Verrichtung einer Arbeit.« (Link 1).

Sinn und Zweck

Im Grunde genommen stellt eine Desktop-Umgebung also die grafische Benutzeroberfläche (»GUI«) eines Computers dar. Diese GUIs (engl. für »graphical user interface«) ermöglichen die Interaktion des Nutzers mit elektronischen Geräten über eine, wie der Name bereits vermuten lässt, grafische Benutzeroberfläche.

Obwohl der obige Abschnitt sich auf GUIs im Allgemeinen bezieht, beschreibt er doch bereits den groben Sinn und Zweck einer Desktop-Umgebung. Denn auch sie soll dem Benutzer dabei behilflich sein, die elementaren Features eines Betriebssystems einfach zu erreichen und gegebenenfalls zu verändern. »Features« deckt in diesem Sinne wohlgemerkt eine breite Spanne an Möglichkeiten ab: Bei profanen Tätigkeiten wie dem Erstellen eines Textdokuments begonnen und bei der Modifikation bestimmter Systemeinstellungen aufgehört, all das kann über die grafischen Symbole mit Tastatur und Maus gesteuert werden.

Als Alternative zu einer Desktop-Umgebung bliebe der Weg über die Kommandozeile. Typischerweise erfolgt die Steuerung hier ausschließlich in Textform unter Zuhilfenahme verschiedener, über die Tastatur eingegebener Befehle. Auf den ersten Blick mag das Terminal sogar einige Vorteile gegenüber der klassischen Desktop-Umgebung bieten: Befehle können – mit ein wenig Übung – schneller und präziser ausgeführt und natürlich essentielle Systemeinstellungen verändert werden; die volle Kontrolle über das System ist eigentlich nur über die Kommandozeile möglich.

BILD 1. Bildunterschrift: Ein Ordner kann auch über das Terminal angelegt werden; den Weg über das grafische Kontextmenü finden viele Nutzer allerdings einfacher.
Wenn Sie die Grafik sehen möchten, klicken Sie bitte auf diesen Link: (Link Bild 1).

Nichtsdestotrotz, Desktop-Umgebungen – oder zumindest deren bekannteren Vertreter – sind zugänglich und lassen sich in der Regel auch ohne vorhergehende Einweisung in die Materie bedienen; was man von der Konsole bekanntermaßen nicht gerade behaupten kann. Auch sind die Individualisierungsmöglichkeiten einer Desktop-Umgebung – oder vielmehr deren Bestandteile – ungleich höher.

Technische Grundlagen

Die Elemente einer Desktop-Umgebung benötigen zusätzliche Hilfe, sofern sie korrekt funktionieren oder vielmehr ihrem eigentlichen Zweck nachkommen sollen. Diese Hilfe finden sie bei einem »Fenstersystem«, das grafische Basisfunktionen implementiert. Es bietet verschiedene Möglichkeiten, darunter die Fähigkeit, Schriftarten darzustellen und Linien, Kurven und Pixelgrafiken zu zeichnen. Ferner wird grundlegende Unterstützung für Grafikkarten und Zeigegeräte, also Tastatur und Maus, geboten.

BILD 2. Bildunterschrift: Das X Window System in Verbindung mit Tom's Window Manager (twm) (Urheber: Liberal Classic) (Link 2).
Wenn Sie die Grafik sehen möchten, klicken Sie bitte auf diesen Link: (Link Bild 2).

Zwar gibt es verschiedene Fenstersysteme, unter Linux hat sich aber das X Window System, besser bekannt als X11 oder einfach X, durchgesetzt. Es implementiert kein festes Aussehen der Umgebung, wie es stellenweise bei anderen Fenstersystemen der Fall ist. Dadurch genießt die Desktop-Umgebung volle Freiheit bei der Gestaltung - nicht zuletzt ein Grund für die optische Vielfalt verfügbarer Desktop-Umgebungen.

Elemente und Bestandteile

Die nun folgenden Ausführungen beziehen sich ausschließlich auf Betriebssysteme, die das X Window System unterstützen. Dies wären – unter anderen – Linux, FreeBSD und sogar Mac OS X. Microsoft Windows hingegen ist nativ nicht in der Lage, X auszuführen. Es gibt allerdings Umsetzungen von X, die den Betrieb unter Windows ermöglichen, beispielsweise Cygwin/X (Link 3) oder Xming (Link 4).

Wie bereits an vorhergehender Stelle angedeutet, lässt sich eine Desktop-Umgebung in mehrere Komponenten zerlegen, die (größtenteils) unabhängig voneinander funktionieren, in ihrer Gesamtheit allerdings die typische Handhabung ermöglichen.

Ein wesentlicher Bestandteil einer Desktop-Umgebung ist der sogenannte »window manager«, der im Deutschen auch gerne als »Fenstermanager« bezeichnet wird. Dieser ermöglicht es einer Anwendung, sich bildlich in Form von Fenstern dem Anwender zu präsentieren. Im Zuge dessen verwaltet er die Fenster verschiedener Applikationen und stellt bekannte Funktionen wie »Minimieren«, »Vergrößern« und »Schließen« bereit. Das Fenstersystem, in diesem Falle also X, beinhaltet auch diese rudimentäre Organisation der Fenster. Fenstermanager wie beispielsweise Metacity bei GNOME oder KWin bei KDE bauen darauf auf und erweitern die Möglichkeiten um ein Vielfaches.

BILD 3. Bildunterschrift: Der Dateimanager ermöglicht unter anderem die Darstellung einer Verzeichnisstruktur.
Wenn Sie die Grafik sehen möchten, klicken Sie bitte auf diesen Link: (Link Bild 3).


Ein anderes und wichtiges Element ist der »File-« respektive der »Dateimanager«. Er administriert Dateien und Ordner auf eine dem Nutzer zweckdienlichen Weise. Ohne einen Dateimanager wäre beispielsweise das Auflisten aller Dateien in einem Verzeichnis oder die Darstellung einer Verzeichnisstruktur nicht möglich. Ferner ermöglicht er Operationen wie das Kopieren, Verschieben und Löschen sowie das Ändern von Berechtigungen einzelner Dateien.

Ansonsten finden sich in einer Desktop-Umgebung noch andere nützliche Werkzeuge, die sich für weitere Extras verantwortlich zeigen, welche von den meisten Anwendern eigentlich schon als selbstverständlich angesehen werden. Zu solchen Beigaben gehört beispielsweise die Möglichkeit, ein Wallpaper auszuwählen und dauerhaft als Hintergrundbild anzeigen zu lassen.

Weiterhin werden Desktop-Umgebungen in der Regel mit einigen zusätzlichen, standardmäßig vorinstallierten Programmen ausgeliefert. Auch diese mitgelieferten Programme variieren je nach gewählter Desktop-Umgebung, Anwendungen zur Textverarbeitung, Internet-Browser und E-Mail-Clients sind aber bei allen größeren Vertretern normalerweise enthalten.

Unterschiede

Mit der großen Zahl an verfügbaren Desktop-Umgebungen gehen zwangsläufig auch einige Unterschiede einher. Anwender können hier nach verschiedenen, relativ offensichtlichen Kriterien unterscheiden:

Optik: Wie so oft im Leben kann der optische Eindruck bereits entscheidend sein. Wenn der Stil beziehungsweise der optische Auftritt einer Desktop-Umgebung gefällt, ist die Wahl manchmal schon getroffen; eine Präferenz entsteht allemal.

Anpassungsfähigkeit: Ein fortgeschrittener Anwender wird womöglich eine Desktop-Umgebung bevorzugen, die viele Konfigurations- und Einstellungsmöglichkeiten bietet, damit das System nach seinen Vorstellungen betrieben werden kann. Personen, welche mit Linux noch nicht eingehend vertraut sind, dürften sich hingegen eher an einer einfach zu nutzenden und einsteigerfreundlichen Desktop-Umgebung versuchen.

Anstatt diese Liste weiter fortzusetzen, sollen die Ziele von einigen der bekannteren Desktop-Umgebungen kurz miteinander verglichen und daran die eigentlichen Unterschiede aufgezeigt werden:

GNOME (Link 5) und KDE (Link 6), die wohl größten und bekanntesten Vertreter unter den Desktop-Umgebungen, versuchen vorrangig, eine attraktive Arbeitsumgebung durch hervorstechendes Design zu schaffen, die von jedem ohne größere Einweisung genutzt werden kann.

Jedoch unterscheiden sie sich, trotz mehr oder weniger gleicher Zielsetzung, merklich voneinander. KDE bietet – im Verhältnis gesehen – viele Möglichkeiten zur Anpassung nach den eigenen Wünschen, enthält viele, komplexe Features und versucht gleichzeitig vernünftige Standards zu schaffen. GNOME schreibt im Gegensatz dazu ein wenig mehr vor, ist dahingehend also etwas unflexibler. Man fokussiert sich auf feine Details, notwendige Aufgaben und im Allgemeinen auf die einfache Handhabung. Dies ist allerdings keine wirklich negative Aussage. Viele schätzen GNOME aufgrund genau dieser Eigenschaften.

Doch selbstverständlich gibt es noch weitere Desktop-Umgebungen. Auch diese lassen sich grob durch bestimmte Zielsetzungen unterscheiden, was nun nachfolgend anhand zweier – mehr oder wenig bekannter – Vertreter geschehen soll:

So verzichten Xfce (Link 7) und LXDE (Link 8) größtenteils auf grafische Extras der Superlative, aber präsentieren sich noch immer auf eine ansehnliche Art und Weise. Der Fokus liegt hier mehr auf Produktivität und dem Sparen von Ressourcen als auf optischer Furore, weshalb sie sich auch für den Einsatz auf betagten Rechnern hervorragend eignen.

Étoilé (Link 9) und EDE (Link 10) gehen sogar noch einen Schritt weiter: Von dem leichtgewichtigen Aufbau einmal abgesehen konzentriert man sich hier auf Modularität und Portabilität, was allerdings bereits merkliche optische Einschnitte nach sich zieht.

Personen, die eine Desktop-Umgebung entbehren können, aber dennoch nicht ausschließlich mit der Kommandozeile arbeiten wollen, können auch dynamische Fenstermanager wie beispielsweise wmii (Link 11) oder dwm (Link 12) benutzen. Hier verzichtet man auf modische Grafik und Benutzerführung, die Fenster sind optisch – wenn überhaupt – bestenfalls dürftig ausgeschmückt. Der Code ist knapp und prägnant, Minimalismus und Zweckdienlichkeit lautet die Devise.

Dies macht sich wohlgemerkt auch in der Dateigröße bemerkbar. wmii umfasst lediglich knapp 10.000, KDE hingegen mehr als stolze 4.700.000 Zeilen Code, also circa 470-mal so viel (Link 13).

Fazit

Desktop-Umgebungen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zielsetzungen – und damit ihres Aufbaus – erheblich.

So geht Einsteigerfreundlichkeit zwangsläufig auf Kosten der Komplexität und der Einstellungsmöglichkeiten, wohingegen eine Umgebung, die modular vom Benutzer aufgebaut und dahingehend auch stark angepasst werden kann, nicht unbedingt Stärken in der Benutzerführung vorweist.

Das Wunderbare daran ist, dass sich jeder anhand seiner eigenen Bedürfnisse und Interessen entscheiden, stets wieder etwas Neues ausprobieren oder es einfach bei der aktuellen Wahl belassen kann. Die Möglichkeiten sind vielfältig und man darf gespannt sein, was die Zukunft im Bereich der Desktop-Umgebungen bereithält.


Stefan Zaun
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Informationen

1) http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsumgebung

2) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:X-Window-System.png

3) http://x.cygwin.com/

4) http://freedesktop.org/wiki/Xming

5) http://www.gnome.org/

6) http://kde.org/

7) http://www.xfce.org/

8) http://lxde.org/

9) http://etoileos.com/

10) http://sourceforge.net/projects/ede/#item3rd-1

11) http://wmii.suckless.org/

12) http://en.wikipedia.org/wiki/Dwm

13) http://scan.coverity.com/rung1.html


 

 

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